Leo Haffner: «An ihren Sätzen sollt ihr sie erkennen», 1997
Feinigs Feinarbeit. Notizen zum Prosaband Bagatellen von Willibald Feinig
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Dornbirn, 4/1997
«Wo war der Lektor?» schrieb Willibald Feinig in der Kultur (8/1995) nach der Lektüre von Robert Schneiders Schlafes Bruder. Wie war es möglich, daß im erfolgreichsten Buch, das jemals ein aus Vorarlberg stammender Autor geschrieben hat, Sätze gedruckt werden konnten wie «Elias stand noch immer angewurzt», «Der Bauch blähte auf», «Seff wog die Tür in den Gaden», «Die Nulfin .. schwur… der Muttergottes», «Nach dem Tod des störrischen Greisen» usw. ad libitum? Nicht allein die Peinlichkeit grammatikalischer Fehlleistungen provozierte Feinig zur Polemik. Was ihn offensichtlich noch mehr stört, ist die Selbstergriffenheit eines Autors, der die Geschichte des «musikalischen Genies» Elias Alder als Projektionsfeld für eigene Sehnsüchte nach Auserwähltheit und Ruhm benützt.
In seiner Bitte um Nüchternheit in Kunstsachen, veröffentlicht in Form von 16 Thesen (limes, St. Pölten), hat sich Feinig schon 1985 –also lange vor Erscheinen von Schlafes Bruder – gegen Beweihräucherung der Kunst gewendet und damit der Vergötzung des Künstlers den Kampf angesagt. Zitat Feinig: «Malen ist Arbeiten, wie Mahlen (Mehl malen), es hat an sich keinen höheren Wert als jede andere Tätigkeit. Es hat nur Sinn im Rahmen einer arbeitsteiligen Gesellschaft.» Und weiter: «Jeder Maler ist unverwechselbar in seiner Arbeit. Aber unterscheidet ihn das von irgendeinem ernsthaft ausgeübten Beruf, selbst in der heraufkommenden Informationsgesellschaft? Verrät die Beweihräucherung der ‹Kunst› nicht ein armseliges Nichtwissen davon, was Handwerk, Beruf bedeutet?»
Somit will Willibald Feinig auch mit seinem Prosaband Bagatellen in erster Linie als schreibender Handwerker gemessen werden. Der Titel des Büchleins impliziert indessen nicht von vornherein künstlerische Anspruchslosigkeit. Er ist zum einen ein Hinweis auf den geringen Umfang der Texe (die längste der Erzählungen, Dietrichstein, umfaßt fünfzehn, die kürzeste – Beinah gestorben – etwas mehr als zwei Seiten), zum andern hängt die Wahl des Titels zusammen mit der Vorliebe Feinigs für zwei Komponisten der Moderne, die sein Kunstverständnis offenbar nachhaltig beeinflußt haben: Bela Bartók und Anton von Webern. Beide waren Meister der «kleinen Form».
Vergleiche zwischen zwei Autoren machen in der Regel wenig Sinn, da jeder Schriftsteller von seinen eigenen Voraussetzungen her gelesen werden muß. Doch im Hinblick auf die Polemik Feinigs gegen Schlafes Bruder drängt sich der Vergleich zweier verschiedener literarischer Verfahrensweisen geradezu auf. Während Robert Schneiders fiktive Geschichte eine einzige große Anleihe an die Aura, das Vokabular und den Gestus einer altertümlich-romantisierenden, längst untergegangenen Sprache darstellt, während Patina und Pathos das ganze Werk überziehen wie Museumsstaub ein Bild mit Goldrahmen, fehlt Feinig jede Pose in der Auswahl seines Sprachmaterials. Es ist keine entliehene, sondern hart erarbeitete, aus der akuten Gegenwart geschöpfte Sprachbewältigung. Offenbar waren Willibald Feinigs Übungen in der Collagetechnik, welcher er sich früher widmete, für ihn ein nützllches Durchgangsstadium auf dem Weg zu einem facettenreichen, experimentierfreudigen Autor.
In einer Geschichte mit dem Titel Armacord wird eine von erotischen Anwandlungen begleitete Bahnreise eines Vertreters für Diebstahlschutzanlagen von Basel nach Paris beschrieben; in einer anderen Kurzgeschichte endet ein Coitus zwischen einem Ehepaar unter Wasser beinahe tödlich (die Kühle, fast messerscharfe Sprache raubt dem Plot jede pornographische Assoziation); es folgen tagebuchähnliche Erinnerungen an die Internatszeit, weiters äußerst verknappte Skizzen zu Biographie des Komponisten Anton von Webern und eine fein ziselierte Miniatur eines Schloßkonzerts, so heiter und sinnenfroh, aber auch so detailgetreu wie ein Stich von Watteau aus dem 18. Jahrhundert. Die Erzählung Dietrichstein: ein sprachliches Meisterstück, spannend noch dazu. So suggestiv und präzise ist das Thema der Türkenbelagerung in Osterreich wohl noch selten behandelt worden.