Peter Pawlowsky: «Die Aquarelle des Bäckers», 2015

Rezension des Bildbands Von Bergen und Bäumen, Blumen und Wolken mit Aquarellen von Gottlieb Nuderscher
Erschienen in quart, Wien, 2/2015

Wer das schwere graue Buch aufschlägt, macht eine stupende Erfahrung. Die Entdecker südfranzösischer Höhlenmalerei müssen ähnlich überrascht gewesen sein. In 300 farbigen Aquarellen präsentieren sich Landschaften und Himmelsbilder in allen Jahreszeiten, von denen kaum jemand wusste. Und das ist nur eine kleine Auswahl aus einem Opus von 3600 Blättern, die einer gemalt hat, dem es um nichts anderes ging, als ums Malen.

Gottlieb Nuderscher (1904–1995), Bäcker in Altach in Vorarlberg, schleppte jahrzehntelang Mehlsäcke, knetete Teig, stand am frühen Morgen vor dem Backofen des «Unteren Bäcks» in Altach. Eine Konditorei Nuderscher gibt es dort noch heute. Mehrfach wurde er zu professioneller Ausbildung angeregt, aber er entschied sich für eine Familie und verwies die Malerei auf die Stunden der Freizeit. Als er 1938 heiratete, hatte er schon zwanzig Jahre Malerei hinter sich. Sieben Kinder brachte die Ehe, und nach einer Pause über den Krieg fing er wieder an zu malen. Bis ins hohe Alter saß er in jeder freien Stunde mit Klappsessel und Malbrett in der Natur. Die Landschaft war sein Gesprächspartner, ihr versuchte er unermüdlich gerecht zu werden. «Ich habe meinen Vater nicht anders gekannt», schreibt seine Tochter, «als im Bäckergewand oder in freier Natur im Sommer mit Strohhut, im Winter mit dickem Wollmantel, ein bisschen Schnaps im Malwasser, dass es nicht einfriert».

Nuderscher hob alles auf, gelungene und weniger gelungene Blätter. Der Kunstbetrieb interessierte ihn nicht, er stellte nicht aus und verkaufte nur, wenn jemand direkt an ihn herantrat. Nur die Verwandten und wenige Freunde kannten seine Bilder.

Nun hat der Vorarlberger Schriftsteller Willibald Feinig eine Auswahl der Aquarelle des Bäckers von Altach in einem schweren Leinenband publiziert und kommentiert. Man kann sich fragen, ob damit Kunstwerke wiederentdeckt wurden oder nur Fingerübungen eines begabten Dilettanten. Manche Blätter verraten erstaunliche Könnerschaft. Wie die Farben unvermischt aneinander stoßen, durch das schmale Weiß des Papiers gesondert, gibt den Bergen Plastizität und der Landschaft Tiefe. Vieles erscheint dagegen auch bloß routiniert.

Da äußert sich nicht moderne Kunst, wie sie heute in Ausstellungen und Museen zu sehen ist, aber wohl das Fundament von Kunst überhaupt: Die Nachschöpfung der Schöpfung, der Versuch zu bannen, was für die Augen flüchtig ist. Tatsächlich hat das mit der uralten Höhlenmalerei zu tun, die aus der schier nutzlosen Begeisterung am Festhalten der sichtbaren Wirklichkeit entsteht. Willibald Feinig nennt das Werk Nuderschers «ein Fragezeichen am Rand der lokalen Kunstgeschichte».

Ist etwa die Blasmusik einer Dorfkapelle Kunst? Gottlieb Nuderscher steht an diesem Anfang der Kunst; seine Einzigartigkeit besteht in seiner Einsamkeit, und man fragt sich, welche Triebkraft an Begabung ihn über sein ganzes Leben bewegt hat, um unermüdlich in tausend Varianten immer wieder dasselbe zu tun. Man kann es eine fixe Idee nennen, aber auch eine Form der Verehrung dessen, was die Schöpfung ungefragt vor Augen stellt.