Ufer, Untiefen, Sandbänke
Literarisches Forum Oberschwaben, anno 2018

„Die Lüge beginnt im Auge.“ „Wer aufhört, Kind zu sein, sieht nur mehr Aufgaben, die er hat.“ „Es gibt einen Zeitgewinn, der Ewigkeitsverlust ist. Und es gibt einen Zeitverlust, der Ewigkeitsgewinn ist.“ Wo könnten solche Beobachtungen eher gemacht, solche Konsequenzen eher gezogen worden sein, mit behutsamer und leichter Hand, unter dem Titel „Orientierung am Kind“ und der akkuraten Genrebezeichnung „Meditationsskizzen“ als am Bodensee mit seinem Temperaturausgleich und gleichmütigen Wellenschlag? In der Tat war ihr Autor Heinrich Spaemann, 1903 in Westfalen geboren, die letzten Jahrzehnte seines Lebens Seelsorger in einer psychiatrischen Klinik in Überlingen. In der Gegend, wo man Müller-Thurgau keltert und Elstar-Äpfel erntet, die Asche Jan Hus' in die Wellen gestreut hat, und wo die drastischen Statuen Peter Lenks sich wenig kümmern um ihre kunsthistorische Einordnung.

Wangen im Allgäu, gerade noch württembergisch, liegt zwar nicht am See, aber unter dem gleichen Himmel. Alljährlich vor Ferienbeginn, bevor der Tourismus die Herrschaft antritt, lesen im Weberzunfthaus der Reichsstadt (von Friedrichs II. Gnaden, des Staufers mit den Geparden und Kamelen, nicht des Preussen) zehn Autorinnen und Autoren Unveröffentlichtes und lassen es öffentlich kritisieren. Einen Samstag lang. Teils bewerben sie sich, teils werden sie eingeladen. Die Auswahl trifft eine informelle Jury während einer Schiffsreise auf dem Schwäbischen Meer (diesmal sei Manfred Bosch dabei gewesen, dessen Vorlass im Bregenzer Literaturarchiv liegt). Bei der Auswahl spielt offenkundig Abwechslung eine Rolle und die Frage: Was werden die Kritiker - meist Kolleginnen und Kollegen - im Zunfthaus dazu sagen? (Zu mehr als einem Text bemerkt Oswald Burger, Motor des Literarischen Forums Oberschwaben, Lehrer und Stadtrat in Überlingen, der oder die Vorlesende habe seit der Einsendung Korrekturen angebracht.)

Mit riesigen Trauben kehren die Kundschafter Israels zurück aus dem Land der Verheißung; auf der anderen Seite des Kachelofens im Zünfte-Saal tritt Martin von Tours vor den Vorhang, Renaissance-Putti öffnen ihn. Wangen war einmal eine Textilstadt.

Arno Geiger, erschöpft von einer Lesetournee, kommt heuer nicht. Hans-Christoph Binswanger, der Nationalökonomie anhand von Goethes Faust trieb, und Günter Herburger, Marathon Man, gebürtiger Allgäuer und Autor einer Thuja-Trilogie, sind gestorben. Herburger an den Folgen eines Brandes, den seine demente Frau in der Berliner Wohnung gelegt hat. Ihm verdanke ich eine Erfahrung. Vor versammelter Zunft spießte er einen Pleonasmus auf in einem Text, mit dem der Neuling - damals noch ohne literarische Veröffentlichung - erst zwanzig Jahre später zurande gekommen ist. Noch vor kurzem, so Burger, habe Preisträger Herburger nach der Laudatio mit der Rednerin getanzt. Teilnehmerliste gibt es nicht, auf Grund der neuen Gesetze zum Datenschutz; überhaupt existiere das literarische Forum rechtlich nicht, sei kein Verein.

Als erster liest Michael Lichtwarck-Aschoff, Jahrgang 1946. Der Anästhesiologe aus Augsburg ist hier bekannt dank eines Essays über die Versuche schwäbischer Männer in die Luft zu gehen. Auch diesmal erkundet er Grenzgefilde der Wissenschaft, das Umfeld des „neuen Darwin“, des Wiener „Krötenküssers“ Paul Kammerer („Das Gesetz der Serie“, 1919; Grundthese: Verhaltensänderung hat genetische Auswirkungen - Kammerer erschoss sich nach Fälschungsvorwürfen, dürfte aber in der Sache Recht haben, meint Arthur Koestler, der den Fall literarisch aufgearbeitet hat). Der k. u. k. Famulus des Biologen kommt aus einem Karstdorf in der Krajina. Seine Familie lebt vom kargen Acker, vom Sauschneiden und vom Dorfstier. Der Franz (hieß er so?) scheint nichts zu begreifen, ja taubstumm zu sein – bis es „einen Riss tut“, und die Wörter aus dem Bub heraussprudeln wie die Bäche unter den Felsen. Fällt einmal sehr viel Regen im Karst, schwemmt es die Grottenolme aus dem ewigen Dunkel der unterirdischen Wasserläufe, Leiber, durchsichtig bis auf die Gedärme, ohne Augen (wozu auch?), mit einem rötlichen Fleischwulst rund um den Kopf – „Drachenkinder“.

Ich notiere: „Er trug einen gelben Schnurrbart“ (trug?), „Er kam zur Welt auf dem kalten Bett der Eltern“ (auch Anderen fällt der lyrische Ausreisser auf). Prosa, geschult an Handke, der den Karst kennt, und an Nadolny, dem Entdecker der Langsamkeit.

Um das 19. Jahrhundert mit seiner „verheerenden Sprachgeschichte“, wie sie Doderer nennt (in „Grundlagen und Funktion des Romans“) wird es noch öfter gehen beim literarischen Tjost an diesem Sommertag 2018 im Allgäu.

In den Fensterbögen des Saals sind die Handelspartner der Wangener verewigt: Trier, „Coeln“, Brandenburg, Sachsen.

Der nächste Vorleser hat lang in Norddeutschland gelebt. Wieder steht ein thumbes Kind im Zentrum, geboren anno 1806, zeitgleich mit dem Reichsdeputationshauptschluss. Der Onkel, pardon Oheim, erzählt dem kleinen Schwaben von jenem nun untergegangenen sagenhaften Reich, wo Könige straflos blieben, selbst wenn sie Mörder waren (erraten, von Merowingern ist die Rede, Doderer schau oba, von Childerichs, die freilich von Karls „Heiligem Römischen Reich Deutscher Nation“ noch nicht einmal träumten). Sturen Blicks ziehen Napoleons Soldaten am Kind vorbei in die endlosen Weiten Russlands, in den Untergang, in jedem Schulbuch steht es. Johann Peter Hebel, auch er evangelischer Pfarrer wie Albrecht Gralle, bevor der historische Romane schrieb, hat seine Anekdoten an den gleichen süddeutschen Heerstraßen gefunden wie dieser. Mit dem Unterschied, das der Zeitzeuge (wie wir heute sagen) den Leserinnen und Lesern zumutet, selbst die Lehren aus den Geschichten zu ziehen.

Ich notiere: „Die Wurzeln lagen in Brixen“ (die familiären sind gemeint); „Der Busen hat ihn tief beeindruckt“; „schwäbisches Savoir-vivre“. Letztere Formulierung erregt Heiterkeit im Saal, die captatio benevolentiae wird als contradictio in adiecto empfunden. Das literarische Projekt sei auf sieben Romane angelegt und soll im Aufbau-Verlag erscheinen.

Weitere Exporte aus dem Allgäuischen gingen nach Böhmen, auch 'Mainz' kann ich entziffern; in den Fensterlaibungen stehen außer den Geschäftspartnern die Monatsnamen.

„Wer nicht dabei war, weiß am besten, wie es gewesen ist“ hat Lichtwarck-Aschoff vorhin gelesen. Auch der sogenannte historische Roman wird zum Roman nicht durch Neuarrangement und -ausstaffierung des Gewussten, auch er eine Sonde, hineingehalten in die Unordnung von Raum und Zeit, dass sich daran der Kristall bilde, Form, das Bild des Menschen. „Individuum“ hat es Arno Geiger jüngst in einem Gespräch im Schweizer Radio genannt. Er weiß, wovon er redet, er hat den Ritt über den Bodensee hinter sicher, über die Untiefen der Demenz hinweg.

Und noch einmal 19. Jahrhundert: Bastian Kresser, Vorarlberger Erwachsenenbildner der nächsten Generation, widmet einen Roman der „Geburtsstunde des modernen Spiritualismus“. Die habe eines Abends anno 1848 in einem Dorf unweit New Jersey geschlagen. Je mehr Details der ersten Geisterbeschwörung in the land of the brave and the free ausgebreitet werden, desto mehr muss ich an die zwei Druckseiten des „Bettelweibs von Locarno“ denken, die die Grenze zwischen „Jenseits“ und „Diesseits“ in Frage stellen: Das Biologisch-Physikalische und das Moralische scheinen sich doch nicht restlos trennen zu lassen.

Bei Kresser klopft der Geist (der Leiche im Keller) dreimal, wenn man ihn fragt, irgendwie scharrend, unheimlich jedenfalls, das bedeutet „Ja“ und ist die ganze Grammatik des Spiritismus (denn um diesen geht es, nicht um „Spiritualismus“). Eine Studie des Aberglaubens? Die Ausführlichkeit ermüdet jedenfalls. Die Geschichte eines Betrugs, ein Krimi? Polizist kommt keiner vor. Ein Kollege bemerkt: „Zu viele Adjektive machen den Text hart.“ Der Spiritualismus, auch er anglo-amerikanischen Ursprungs, exportiert nach Brasilien und an den Kongo mit bekannten Folgen, wäre übrigens eine Geschichte, die geschrieben werden sollte.

Marcus Hammerschmitt, sonst Fantasy-Autor bei Suhrkamp, hat Gedichte mitgebracht. Kann man Gedichten gerecht werden nur vom Hören, ohne mitzulesen? Das Gedächtnis hat gelitten im Wikipedia-Zeitalter, meines wenigstens. Der Erfahrungshorizont verbindet nicht mehr, auch der Wortschatz nicht (was ist ein Taxon?), nicht Formen, mit Erwartungen verbundene Gattungen (Kinds are the very life of art: E. M. Forster, Aspects of the Novel, 1927). Es braucht Vergleich, Wiederholung, Wiederholung, Nachprüfung, Nachsinnen: Zeit. Hammerschmitt liest sieben Gedichte. Das folgende heißt „Balkon vor dem Mai-Gewitter“:

Ein Wind hat alles durchsucht

und geht jetzt mit Absicht schlafen.

Die Wolken stehen am Himmel auf

wie müde, alte Krieger.

Man sagt, dass manches ausstirbt,

und dass die Leere summen wird

wie die vergangenen Tiere selbst.

Wir könnten auch am Meer sein,

melancholisch und erfrischt,

mit blauen Lippen vom

schaukelnden Wasser.


„Müde, alte Krieger“ steht im Manuskript, „müde, alte Kämpfer“ liest der Autor, er verteidigt die Änderung. Das Bild leuchtet ein, beide Ausdrücke scheinen mir, weil ohne Auswirkung auf den Rhythmus, fast gleichwertig; Krieger klingt wirklich altväterischer, verbrauchter, dafür aber auch gewittriger.

„(Der Wind) geht jetzt mit Absicht schlafen“: Was gemeint ist, versteht man, aber warum mit Absicht? Wer schlafen geht, tut es mit Absicht. Man merkt die Absicht, und der Vers ist verstimmt. Ähnlich in der zweiten Strophe. Vor dem nahenden Gewitter erwacht die Erinnerung an die bedrohte Mit- und Umwelt. Aber ist es Manches, das ausstirbt? Sollte es nicht besser heißen, zum Beispiel

Man sagt, dass Arten sterben,

und dass die Leere summen wird

wie die vergangenen Tiere selbst.


Die Gewitterfront weckt elementare Erinnerung. Auch Sprache tut es. Im Einführungsproseminar seinerzeit, mit Wendelin Schmidt-Dengler, sollten wir den Unterschied bestimmen etwa zwischen „Lies keine Oden, mein Sohn“ und „Du sollst keine Oden lesen, Bub!“: Da besteht ein Unterschied der Information, nicht nur ein formaler. Was der Lyriker wohl sagen würde zur folgenden kleinen Änderung am Schluss?

,

die Lippen blau

vom schaukelnden Wasser.


Spiegel für Gemachtes (was Poesie schon der Etymologie nach ist), Erholungsraum der You-Tube- und Facebook-User aus Stadt und Land, Antidotum gegen postindustrielles Burnout: Die Natur, das Nicht-Menschliche, Nicht-Menschengemachte.

Die Gedichte der Ulmerin Christine Langer, Jahrgang 1966, forschen den Antrieben nach, die in die Natur drängen. Es ist nicht das langsame Schwanken der Zweige, es ist der an ihm gemessene Blick, der zum Übungsfeld der Verlangsamung wird. Die Natur lehrt Buchstaben setzen, Silben gewichten. Das Gedicht misst sich am Liebesakt. Die Liebe der Leiber ist für Langer wie das „Aufgipfeln“ von Bäumen, ein Ausweiten des gemeinsamen Horizonts.

Kirschenessen und Pflaumenschneiden, in die Wolken schauen, oder auch auf den Wiener und Berliner Dom und in den Trevi-Brunnen; Absturz eines Apfels (Rouge, bevor es in den Dreck fällt): Sinnliche Wahrnehmung als Geheimnis, als dessen nicht immer geglückte Inszenierung (Er lässt die Kirschen in seinem Hemd / Verblühen, heisst es in einem Vierzeiler namens „Ansichten eines Clowns“(!): Auch im 21. Jahrhundert blüht nicht die Kirsche, sondern der gute alte Kirschbaum des guten alten Brockes).

Was bleibet aber, stiften die Dichter: Lyriker zollen der Welt Tribut im Modus der Einsamkeit, Dichter waren und sind und bleiben so etwas wie Vorsänger der Generationen, ob diese und jene es wollen oder nicht.

Ich muss mich sputen. Unter dem geheimnisvollen Fresko (ein Zunftbecher in einer halboffenen Zunftschublade?) warten fünf weitere literarische „Positionen“ (wie Künstler oder Kunstkritiker sagen in einer Zeit, in der ästhetische Reflexion Kunst wenn nicht ersetzen, so doch rechtfertigen soll oder muss).

Marlies Birkle aus Bad Boll erzählt ein morganatisches Märchen ohne Pointe und ohne Moral. Jadegrüne Ringe und Glasbäume: Ist's eine Parabel, ein Traum, verschlüsselte weibliche Erotik (warum weiblich? fragen manche), ist es Japan, ist es das Hohe Lied? Sie habe sich bewusst nicht festgelegt, nicht einmal im Genre, sagt die Autorin. Aber hätten dann nicht zwei Seiten genügt? Ein bisschen Salz, Ironie, Distanz, und derlei literarische Übungen wären ein Vergnügen.

Einer der Eingeladenen, Daniel Gräfe, ist anwesend, wird aber nicht lesen. Der Text sei nicht reif. Der norddeutsche Autor hat eine bewegte politische Vergangenheit hinter sich, erfahre ich, nachher, im Internet.

Nach ihrer pointierten Kritik an den vor ihr Lesenden erwartet man viel von Christina Walker, Jahrgang 1971. Titel des Textes (für den sie den Literaturpreis 2018 des Landes Vorarlberg erhielt): „Auto“. Der Vortrag ist undeutlich. Soviel ich mit- und bestätigt bekomme, geht es um einen Arbeits-, Familien-, Geschwindigkeits(!)- und Psychologie-Verweigerer. Das Auto dient dem Verlagsvertreter nicht länger für berufliche Zwecke, sondern als Schlaf- und Wohnort: „Gin verkauft sich besser als Ratgeber“ (sachlich vielleicht nicht haltbar, man sehe sich in Kiosken und Buchhandlungen um). Das Kind schreibt dem Vater Grüße an die beschlagene Badezimmerscheibe im vierten (?) Stock, in Spiegelschrift.

Bei mir prägt sich der Anfangssatz ein, ein Findling von einem Satz, wie er stehen bleibt, auch wenn das literarische Konzept zehnmal unterspült wird: „Manchmal ist die Zeit ein Schaben“ (nämlich das Schaben der Eingangstür über den Boden der nicht mehr betretenen Wohnung). Merkwürdig, wie wenig der Rest dieser „politischen“ („Endlich!“) Prosa dem Schmerz, dem Schaben, dem Stillstand des Anfangs zu entsprechen scheint. Vorausgesetzt, ich habe recht gehört.

Merkwürdig zeitlos in einem anderen Sinn, bei aller Brillanz, der Essay Kurt Österles über einen Kriegshund mit (dem dänischen) Namen Gorm: Es wird nie klar, stand (besser gesagt, lief) die requirierte Dogge in Kaisers oder in Führers Krieg im Sanitäts- und Meldedienst wie 20.000 andere Hunde zwischen 1914 und 1918. Im selben Zeitraum wurden an allen Fronten 10 Millionen Pferde getötet. Jüngst habe man in Verdun eine Tafel zum Gedenken an die Brieftauben angebracht, die die Verbindung zum Hinterland herstellten, so Österle, Dr. phil., Jahrgang 1955, Journalist, Hausautor des Tübinger Verlegers, der auch an der Diskussion teilnimmt. - Auf Doggen wird weniger leicht geschossen als auf Menschen. Gorm-Krambambuli kommt nach Kriegsende nicht heim, er hält Wacht beim gefallenen Herrn. Als sich der Hund in seiner Not endlich doch den Dörfern, den Menschen nähert, wird er gejagt, das fremde, struppige Tier, doppelt Opfer, wie die „Partisanen“, die nach Jahren äußerster Gefahr 1945 aus den Gräben Südkärntens auftauchten. - Es ist still, als Österle endet. Mir bleibt das Gefühl der Ort- und Zeitlosigkeit. Kündigt sich hier die Wiedergeburt der Legende an, der Erzählform ohne historischen Rahmen und Hintergrund? Es klingt unglaublich, ist aber doch wahr, wobei das Merkwürdige das Geschehene weit überwiegt.

Martin Obrecht, Stuttgart-Zürich, auch Coach, Schauspieler, Bankkaufmann, liest in Wangen aus einem wie zersplitterten Roman: Jemand wäre gern ein Mörder und legt sich zu dem Behuf verschiedene Geschichten zurecht. - Männliche Geheimriten und Sportarten sind bedrohlich, die Stilmittel konventioneller als die Simenons (sagte er, sagte er, sagte er; er trank das Glas aus). Warum der Arbeitstitel „Snake Dog“? Das Internet gibt Antwort, die Bilder zum Stichwort zeigen Wolfshunde im Kampf mit Kobras. Männer auf Pferderücken, Männer beim Komasaufen, Männer beim Axt-Zielwerfen. „Es gibt nichts Schöneres als eine Axt, wenn sie gepflegt wird“: Dasselbe würde freilich auch für einen Garten gelten, und für einen Menschen....

Ein literarischer Eisberg, schwimmend im Ozean des Verborgenen, Verbotenen, von Gewalttat, Männlichkeit, ziellosem Traum – der Kriminalroman. (Der historische Roman ein Haltegriff, an den sich eine(r) klammert über den Untiefen der Gegenwart und der eigenen Brust.)

Die 1967 an der deutsch-französischen Grenze geborene Simone Adams, Psychotherapeutin in Freiburg, liest Abschnitte aus einem Mehrgenerationen-Roman. Mémé, die französische Großmutter, ist ihrem Liebhaber und Freund, amant und ami, dem deutschen Besatzungssoldaten, über den Rhein gefolgt, ist die Fremde geblieben, die den Bauernhof führt und wartet und das zweite Bett weiter mit dem Leintuch bezieht auch nach des Mannes Tod. Bild folgt auf Bild: Ihrer Tochter sehen wir beim konzentrierten Kämmen zu. Der Enkel, mon pigeon (meine Taube), in seiner Verzweiflung hält auf dem Kirschbaum Ausschau nach der Mutter, die vom Markt heimkommen soll. Thibault ist der Prügelknabe seiner Mitschüler. Er wird Zeuge einer Vergewaltigung. Das verstörte Opfer findet auf dem Hof Heimat, reißt sich die Federn aus (daher der Titel des Romans, „Flugfedern“) um ein Nest zu bauen, Familie zu sein mit dem 20-Jährigen. Die Flugfedern werden wieder nachwachsen. - Unsentimentale Sorgfalt, achtsame Sprache, Mehrsprachigkeit über das e-Mail-Englisch hinaus, die europäische Dimension – auch das ist Wangen.

Ein unspektakuläres Vorleser- und Zuhörertreffen in der Provinz, an der Grenze des Bodenseeraumes (mehr Raum als Grenze), seit mehr als dreißig Jahren. Kein Wettkampf, kein Preisrittern. Im Renaisssancesaal, den die schwäbische Stadt zur Verfügung stellt (die Stadtbibliothekarin sorgt für die Organisation), weicht die Konkurrenz dem Argument, dem man zuhört, das Buhlen um Verlag und Verkauf dem Gespräch, das nicht abgewürgt wird, aber auch nicht ausufert, und der Kritik, die sich ihrer Maßstäbe vergewissert anhand des Neuen, das Literatur heißt.

Willibald Feinig
Bahnstraße 3a · 6844 Altach, Österreich